Dienstag, 31. Januar 2017

Die Postmoderne – das unbekannte Wesen

Mit der Postmoderne oder besser dem postmodernen Denken (generell herrscht auch hier ein Pluralismus im Detail vor) kann allgemein der Gegenentwurf zur s.g. Moderne und derer Grundannahmen bezeichnet werden. Diesen modernen Narrativen, Konstrukten, Metaerzählungen und Sicherheiten werden dabei alternative Grundkonzepte gegenübergestellt. Zu diesen Grundannahmen der Moderne zählen deren Ziele, als auch bestimmte, nicht hinterfragte und als gewiss geltende Setzungen, die jedoch deswegen nicht zwingend von allen Vertretern der Moderne auch alle befürwortet werden. Als Beispiel seien „Geschlecht“, „Rasse“, „Wahrheit“, „Spezies“, „Fortschritt“, „Naturwissenschaft“ und „Vernunft“ genannt. Weil diese Annahmen als Sicherheiten gelten, wird die Moderne auch gern als das Zeitalter der Sicherheiten bezeichnet. Demgegenüber präsentiert sich die Postmoderne als Zeitalter der Freiheit, allerdings nicht im Sinne der Moderne, die die Erzählung der Freiheit auch benutzt, sondern am ehesten vielleicht mit Kreativität und Vielfalt übersetzt. Wenn jene Sicherheiten hinterfragt, dekonstruiert und verworfen werden, führe dies nicht ins Chaos, so postmodernes Denken, sondern in eine Kreativität des Schaffens, also eine Freiheit zu entscheiden, was sein soll.
Der Sicherheit wird also die Freiheit gegenübergesetzt, der Wahrheit (denn eine absolute Wahrheit wird abgelehnt, da diese erkenntnistheoretisch nicht begründbar sei) die Perspektive und dem Materialismus die Deutung.
Im Zuge dessen kommt es aber immer wieder zu Missverständnissen, die auch dazu führen können, bestimmte Ideen der Postmoderne für die eigene Agenda zu missbrauchen und dies sogar für modernes und damit auch postmoderner Sicht reaktionäres Denken.
Zwei dieser Missverständnisse möchte ich aufgreifen. Zum Einen geht es um das Thema Wahrheit am Beispiel der Sprechortanalyse und zum Anderen um das Thema Materialität vs Deutung.

1. Sprechort oder wer bin ich eigentlich?

Das postmoderne Denken lehnt den Anspruch absoluter Wahrheiten ab und stellt diesem multiple Perspektiven gegenüber. Ein Grund dafür ist, dass jede Aussage und jede Wahrnehmung standortgebunden, also perspektivisch ist. Es gibt keine nichtgedeuteten Fakten. Ohne das ins Detail auszuführen geht es darum, dass jeder Mensch verschiedene Sozialisationsprozesse durchläuft, in ein kulturelles Setting eingebunden ist, in Normen und Anforderungen, Bedürfnisse und Sehnsüchte hat, usw. und all dies verändert die Wahrnehmung und damit die Deutung von etwas, denn jede Wahrnehmung ist bereits eine Interpretationsleistung einerseits durch die Hardware des Gehirns (Filter, Einordnung in Muster, usw.) und durch die von der Gesellschaft aufgespielte Software (Anschlussfähigkeit an Erlerntes, Vorurteile, sozio-kulturelle Muster, Einfügen in Erzählungen, usw.). Viele dieser Prozesse laufen unbewusst und automatisiert ab und ein guter Teil kann quasi gar nicht beeinflusst werden. Deswegen spricht man von Perspektive. Diese ist einerseits relativ sozial, sprich, sie wird in s.g. Interaktionsritualen (vom wissenschaftlichen Diskurs bis zum alltäglichen Gespräch) angeglichen, um anschlussfähig und verstehbar zu sein aber auch, um Handlungssicherheit herzustellen. Andererseits bleibt sie relativ individuell, da biografische Erlebnisse sich auf die Muster und die Anschlussfähigkeit ebenso auswirken, wie die unterschiedliche Hardware des Gehirns. Wir können uns also zwar einigen, was „rot“ sei und grundsätzlich zu bedeuten habe aber die Wahrnehmung dessen, was „rot“ ist, wird sich aufgrund der immer mindestens graduell unterschiedlichen Wahrnehmungsgfähigkeit von Farben und Farbnuancen unterscheiden, ebenso wie auch was bestimmte Nebenbedeutungen (schwerer Unfall mit viel Blut, der die Farbe „rot“ zum Trigger macht) angeht.
Wenn es nun aber niemanden gibt, der unmittelbar zur Wahrheit ist, heißt das, wir sind auf eine Verständigung zurückgeworfen, in der relative Einigung erzielt wird. Das ist der Diskurs, der das wichtigste Instrument der Postmoderne ist aber auch hier nicht den Diskursbegriff der Moderne meint. Mit Letzterem ist der vor allem von Habermas entwickelte idealisierte Begriff des Diskurses gemeint, der als Ethik fungiert. Vielmehr ist dem postmodernen Denken der reale Diskurs im Blick, der durch eine Vielzahl an Machtstukturen und -positionen geprägt ist (Foucault, Bourdieu, Kemper, usw.).
Die Perspektivität allen Wissens und die Machtstrukturen jeden Diskurses führen nun zu der Anforderung, sich dessen bewusst zu sein, also der eigenen Perspektive und der eigenen Machtposition. Nichts anderes meint „Sprechort“, wobei ich den Begriff nicht nutze, sondern durch „Selbsthistorisierung“ ersetze. Ziel ist es, sich vor allem in der SELBSTBETRACHTUNG aber auch in der Fremdbetrachtung bewusst zu machen, dass man eine Perspektive und in der Gesellschaft und dem durch die getragenen Diskurs eine relative Machtpostion inne hat (Sprechort), zugleich aber sollte nicht nur dieser Umstand bedacht werden, sondern auch die Position und Perspektive kritisch eingebracht und in der eigenen Historizität erklärt und betrachtet werden, um ihre Wirkung abzuschwächen (Historisierung).
Wichtig dabei ist, dass es KEINEN per se privilegierten Sprechort gibt und da vor dem Diskurs nicht entschieden werden kann, welche Perspektive sinnvoller, besser, zielführender, usw. ist, auch niemand aus dem Diskurs ausgeschlossen werden darf.
Das bedeutet, dass zwar Rücksicht auf Menschen genommen, die sich selbst als betroffen beschreiben und diesen eine wichtige Perspektive zugesprochen werden muss, denn sie haben bestimmte exklusive Erfahrungen gemacht und nehmen eine bestimmte Machtposition ein aber im Rahmen des Diskurses können sie deswegen keinen erkenntnistheoretischen Sonderstatus beanspruchen (davon unbesehen sind besondere psychische Berücksichtigungen). Jede Perspektive, auch die Betroffener, unterliegt Narrativierungsprozessen und damit nicht nur vorgängigen, sindern auch nachgängigen Verzerrungen, Einordnungsmustern, usw., um sie überhaupt ausdrückbar zu machen, wie auch jedes Erlebnis immer aus einer Perspektive heraus wahrgenommen wird, die bestimmte Sachverhalte ignoriert und andere fokussiert. Weil dies so ist, muss es den Diskurs geben und es muss eine kritische Selbst- und Fremdbetrachtung vorgenommen werden. Diese darf aber eben nicht zum a priori Ausschluss führen.
Das heißt nun nicht, dass es keine Hierarchisierung geben kann. So kann die Perspektive dadurch aufgewertet werden, dass sie über einen bestimmte Reflektionsgrad verfügt, umfassender ist oder sich im Diskurs argumentativ durchsetzen kann, was jedoch auch hier keine Ewigkeit beanspruchen kann.
Das epistemische Problem mit den Perspektiven habe ich aber bereits an anderer Stelle im Text "Das kartonierte Sein als Scheinargument und epistemisches Problem plus ein bisschen Geschichtsphilosophie" behandelt. Von daher soll dies hier dazu genügen.

2. Materialismus vs Deutung

Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass das postmodernes Denken die materiellen Verhältnisse übersehe. Dem ist allerdings nicht so. Ähnlich wie im Falle des Diskurses, sind die Bedingungen an dessen Teilhabe und die Machtstrukturen nämlich durchaus im Blick. Was postmodernes Denken zurückweist, ist der historische Materialismus, nicht der Einfluss des Materiellen.
Vereinfacht könnte man sagen, der Welt ist nicht allein damit geholfen, eine materielle Ungleichheit zu beheben, denn sowohl ist deren Ursache eine bestimmte Deutung der Welt, die, wenn sie sich nicht ändert, das Problem nur verschleppen würde, wie auch eine solche materielle Verteilung in ihrer Wirkung von der Deutung abhängt.
Am Beispiel der Armut erklärt liest sich dies wie folgt:
Zuerst zur s.g. „relative Armut“. Nehmen nun an, die Welt besteht aus zwei Orten, an denen Menschen unterschiedlich viel besitzen. Die eine Hälfte ist nun reicher, als die andere. Solange diese beiden Hälften nicht voneinander wissen, gibt es diese Diskrepanz nicht, denn es bräuchte einen Beobachter, der aber nicht existiert. Armut und Reichtum sind dialektisch verbunden. Sie benötigen einander, um überhaupt zu existieren und sie benötigen eine Bewusstsein davon, um überhaupt als ungerecht empfunden zu werden und damit als relevant im Denken und Fühlen der Akteure, um die es geht.
Nehmen wir aber nun an, sie wissen voneinander, dann ist die Frage, warum gibt es diese Ungleichheit. Sagen wir der Einfachheit halber, an beiden Orten sind die Ressourcen unterschiedlich verteilt. Das aber ist nicht der Grund für die relative Armut, denn der liegt darin, dass z.B. die eine Gruppe, obwohl sie darum weiß, diese Ungleichheit aufrecht erhält, der bloße Umstand der Ungleichverteilung hat noch nichts mit Armut oder Ungleichheit im moralischen oder politischen Sinne zu tun, er konstituiert diese nicht, denn erst die Deutung dieses Umstandes als eben z.B. Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit schafft das Problem. Es muss mit dem Wissen zu einem Handeln oder Nicht-Handeln kommen, das in der Regel auf Begründungen beruht, wie Recht des Stärkeren, Natur, bestimmte Ideologien, usw. Solange diese Ideologien, die allererst Armut produzieren nicht überwunden sind, kann eine materielle Umverteilung Ungerechtigkeit nicht bekämpfen, sondern würde sich nur auf weniger kontrollierte Bereiche verlagern. Das bedeutet nicht, dass Umverteilung schlecht ist oder aus postmoderner Sicht nicht vorgenommen werden sollte, sondern, dass diese allein nicht das Problem löst und eine materielle Ungleichverteilung nicht das eigentliche Problem ist.
Hinzu kommt, dass der Materialismus mit vielen Vorannahmen arbeitet, die man ihm vorwerfen kann. Zum Beispiel übersieht er auch darüber hinaus gehende Deutungen. Nehmen wir an, die beiden Gruppen unterscheiden sich in der Menge an Gold. Die eine hat alles, die andere nichts. Sofern die goldarme Gruppe Gold überhaupt keinen Wert beimisst, herrscht auch keine Ungerechtigkeit, zumindest nicht bis zum kulturimperialistischen Eingreifen der goldreichen Gruppe oder einem beständigen Austausch, der zum Angleichen der Weltdeutungen führt. Aber erst dann entsteht auch Ungerechtigkeit.
Außerdem sind Zuschreibungen wie Armut als eindeutig und ahistorisch ein Problem. Wichtig ist die Wahrnehmung und Deutung. So kann Armut nicht nur Handlungsmöglichkeiten einschränken, sondern auch erweitern, weniger wertend würde man von Verschiebungen sprechen. So gibt es Deutungen von Armut, besonders vor entstehen der protestantischen Arbeitsethik in Europa, die durchaus positiv gedeutet werden. Jetzt kann man einwenden, dass dies nur Bewältigungsmechanismen sind, um die eigene schwache Machtposition zu kompensieren und positiv zu wenden, um (psychisch) überleben zu können aber und das ist der Punkt, eine Lösung darf diese Deutung nicht übersehen. Die Logiken der Akteure müssen Berücksichtigung erfahren. Ihnen ihren selbst und positiv gedeuteten von oben herab zu nehmen, kann ebenso zu negativen Folgen führen, wenn sie z.B. dadurch ihr Seelenheil gefährdet sehen würden. Auch hier darf die Deutung also nicht einfach außer Acht gelassen werden. Jetzt sind das eher Sonderfälle. Aber auch in die andere Richtung geht es. So wurde in der Diskussion um die Arbeitergesundheit im 19. Jahrhundert seitens der Obrigkeit festgestellt, dass die Arbeiter doch gar nicht so arm dran seien, denn mit dem Geld was sie haben, könnten sie die täglich benötigte Menge an Kalorien finanzieren. Hierbei wurde aber übersehen, dass Essen mehr ist als Nahrungsaufnahme und dass Kalorien eben nicht alles sind, was den Körper am Leben hält. Die rein materielle Frage, die jene Deutungen und Perspektiven unberücksichtigt lässt, lief also am Problem vorbei.
Nehmen wir den schwierigen Fall der absoluten Armut, also eine Armut, die das Überleben beeinträchtigt. Eine solche Armut ist intersubjektiv (nicht objektiv aber dazu später mehr) schlecht und wird wohl niemandem positiv gedeutet. Sie hindert zudem Menschen an Teilhabe und Erfüllung und ist damit aus postmoderner Sicht freilich abzulehnen.
Allerdings ist der theoretische Blick hier anders, denn auch hierbei handelt es sich nicht um eine objektive Wahrheit, sondern um eine intersubjektive, denn um die Folge einer solchen Armut, um die es ja geht, schlecht zu finden, muss eine bestimmte Weltsicht vorhanden sein. Der Tod selbst, um mal einen großartigen Film zu zitieren, ist eine Formalität. Er hat keine Bedeutung, ebenso wenig wie das Leben, abseits der, die wir den beiden Dingen geben. Die Postmoderne benötigt hier aber eben keine absolute Wahrheit, ihr reicht jene intersubjektive, die sie zum Feind absoluter Armut macht, wie auch relativer, denn auch hierdurch sind Teilhabe und Gleichberechtigung, die sie generell anstrebt gefährdet.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Flüchtige Momentaufnahmen, Provokationen und Gedankenspiele XVIII

Wie in der alliterativen Begriffsdopplung von "Kunst und Kultur", schon angelegt, die eben wie bei "Kind und Kegel" nicht Kind und Kegel, sondern alle Kinder meint, wird Kultur leider immer noch als Verstärkung oder Synonym von Kunst, vor allem hegemonialer Kunstvorstellungen benutzt. Kunst ist wichtig, denn Kunst kann versuchen, das Unsagbare zu erzählen, das Allgemeine zu offenbaren, das Alltägliche zu dekonstruieren und das Neue denkbar zu machen. Lust am eigenen kreativen Schaffen zu wecken ist daher ebenso wichtig. Aber Voraussetzung für eine Kunst, die Gesellschaft reflektieren kann und damit auch eine wichtige politische Funktion einnimmt, wäre eine Kulturelle Bildung, die ihrem Namen auch abseits eines kunstreduktionistischen Kulturbegriffs gerecht werden kann, Was wir brauchen, ist eine Kulturelle Bildung, die sich mit Kultur im Allgemeinen auseinandersetzt, mit all ihren Spielarten. Nicht nur hegemonialer Kunst, nicht nur subkultureller Kunst, sondern mit Kultur im kulturwissenschaftlichen Sinne, also mit dem Alltag, den Bedeutungen, den Sinnstiftungen, den Weltdeutungen, Performanzen, Praktiken, dem Fühlen-Denken-Handeln und dessen Sinnstruktur, also mit dem, was aus der Welt erst Lebenswelt macht. Dann aber könnte man Kulturelle Bildung nicht mehr so wohlfeil als einfaches Aushängeschild und dessen Förderung nicht mehr als selbstgerechten steuerlichen Ablasshandel benutzen, als zahnlose, rein ästhetische Spielerei. Dann würde Kulturelle Bildung nämlich dazu beitragen, kritisches Denken und Fühlen nicht außerhalb, sondern auch entgegen Schule und Universität, entgegen Gesellschaft zu fördern. An Stelle des passiven Kunstgenusses stünde der Spiegel, statt Identität die Dekonstruktion. Das alles aber verhindert das Sprechen über Kultur als Kunst nicht zuletzt im Rahmen des Förderns, denn das kritische Denken ist zwar eine Kunst aber eben nicht Kunst.


Der Begriff des "Postfaktischen" ist letztlich ein Ausdruck reaktionären Denkens, das zurückführen soll in das Wissen der Moderne, in die Sicherheit des absoluten Wissens und der Gewissheit der "Fakten", die letztlich Politik legitimieren sollten. Statt einfach Begriffe wie "Lügner" oder "Rassist" zu gebrauchen und den Blick auf Bedingungen und Ursachen zu richten, wird mit dem Begriff des "Faktischen" als legitimierende Kraft verallgemeinert und vereinfacht. Entgegen der Programmatik des postmodernen Wissens als nötige Vielheit und Diversität von Erzählungen, führt die Moderne mit ihrer "normativen Kraft" des vermeintlich Faktischen zurück in zu entdeckende Gewissheiten, die die Welt einfach halten, in die Idee alles vermessen zu können, in den Fortschrittsglauben, in binäre Geschlechtermodelle, in Sicherheiten und nationalstaatliche Regulierungen als einzige Alternative.


So wie das Konstrukt des "biologischen Geschlechts" immer Brutstätte sozialer Rollenzuschreibungen bleiben wird und daher überwunden oder mindestens auf wenige Kontexte wie Medizin eingegrenzt werden muss, so muss auch der Humanismus überwunden werden, mit seiner Überbetonung des Menschen als Maß aller Dinge, um den Speziesismus grundlegend zu erschüttern. So wie es galt, die Erzählungen der Moderne wie "Rationalität", "Fortschrittlichkeit" und "Wahrheit" im postmodernen Denken als Selbstgerechtigkeit mit all ihren Gewaltätigkeiten der "Fakten" zu entlarven, so ist es nun als Teil dieses Prozesses Zeit, mittels posthumanistischer Philosophie den Menschen als eins und nicht als alles zu begreifen und damit aus dieser Selbstgerechtigkeit zu entheben. 

Dienstag, 15. November 2016

Flüchtige Momentaufnahmen, Provokationen und Gedankenspiele XVII

Entgegen des Alltagsverständnisses eines Naiven Realismus, sind Einhörner ebenso Fakt, wie Fakten auch wie Einhörner sind. In je begrenzten Referenzbereichen ist ihre Behauptung "wahr" und dies ist die einzige "Wahrheit", die uns zuträglich ist, die relative Übereinstimmung einer Behauptung mit verschiedenen Ebenen unserer Wirklichkeiten aber nicht mit der davon unabhängigen Realität, denn zu dieser haben wir keinen von unseren Wahrnehmungen und damit auch Wirklichkeiten unabhängigen Zugriff. So ist auch ein Berg nur "hoch" im Referenzbereich unserer Erfahrung, die wir aufgrund seiner Überwindbarkeit und aufgrund der von uns erfahrenen Höhen haben und er ist nur x Kilometer hoch, im Rahmen einer nur auf unserer lebensweltlichen Mesoebene "exakten" Einteilung von messbarer Höhe, die es ohne uns in dieser Form gar nicht gäbe. "Der Berg ist hoch" und "der Berg ist x Kilometer hoch" sind damit weniger Fakten im Alltagssinne, als vielmehr Vereinbarungen, die nur für uns Relevanz und Wahrheit besitzen. Das bedeutet nicht, dass es für uns nicht schwer sei, auf den Berg zu kommen, es bedeutet lediglich, allen diesen Wahrheiten einen relationalen Status zuzuweisen, sie abhängig von unseren Perspektiven, Bedürfnissen und Weltdeutungen zu machen.
Der Berg ist ohne uns da aber er ist dann eben kein Berg.


Die Erfindung der modernen normierten Zeit und ihre Nutzung durch die sich aus dem Protestantismus entwickelnde kapitalistische Arbeitsethik, sind wohl die zentralsten Kontrollmittel unserer Lebenswelt. Der Wecker ist die Peitsche, der Blick auf die Uhr gibt den neuen Rhythmus vor, nach dem wir zu funktionieren haben, argwöhnisch bewacht von der Scham, die jedes Vergehen gegen das pünktliche Funktionieren mittels die Eigenlogik vernichtender Narrative wie Faulheit, mangelnde Professionalität oder der moralisch besetzten Unpünktlichkeit zu bestrafen sucht. Die kapitalistische Zeit ist das Schnürkorsett dieses Systems. Wollen wir es erträglicher gestalten, so müssen wir anfangen, alternative Zeiten zu denken und zu leben

Man bringt den Menschen bei, dass zu argumentieren wichtig sei aber nicht wie man argumentiert, dass ihre Meinung zählt aber nicht wie man sie reflektiert, dass Fakten wichtig seien aber nicht was diese sind oder dass man immer lieber das glauben will, was der eigenen Meinung entspricht. Das sind die Widersprüche unserer Diskussionskultur, die aus ihr nur eine selbstgerechte Streitkultur machen.


Dass "die Presse", dass "die Medien" auch "Unwahrheiten" verbreiten, interessengeleitet, subjektiv gefärbt sind, ist doch nicht der Skandal. Der Skandal ist, dass plötzlich ein Haufen Leute aus ihren Löchern gekrochen kommen, die scheinbar dachten, es gäbe eine ultimative, objektive Wahrheit, die Medien und Presse nur abbilden würden. Der Skandal ist auch, dass diese Menschen nun auch noch glauben, sie hätten eine höhere Ebene erreicht, eine neue Ebene der Reflektion und dabei nichts anderes tun, als genauso unkritisch weiter zu machen, indem sie einfach Anderen die Wahrheit und Objektivität zuschreiben und so jeden Keim einer Medienkompetenz erneut in alten Mustern ersticken, so er denn überhaupt je da war. Denn die Zuwendung zu neuen medialen Göttern ist doch nichts anderes, als der Austausch hin zu der eigenen Meinung und dem eigenen Wohlgefallen passenderen Glaubenssätzen, verbunden mit einer wohlfeilen Haltung im Besitz einer fundamentalen Erkenntnis zu sein, die die Deutungshoheit beanspruchen will.

Freitag, 14. Oktober 2016

Ecce Hieronymus Bosch – oder die erste historische Kunstausstellung

Rezension zur Ausstellung „Hieronymus Bosch: Visions Alive“

Den Kunstgenuss möglichst authentisch gestalten wollen viele und scheitern. Ein wichtiger Grund dafür liegt bereits in der mangelnden Reflektion dessen, was sie denn sei, diese authentische Rezeption. Wie ist eine solche authentische Betrachtung denn zu verstehen? Als die Setzung des Gemäldes an seinem ursprünglichen Ort, als die historisch korrekte Beleuchtung oder als das passende räumliche Ensemble, die Nachbildung des Herums des Kunstobjektes? All diese Antworten übersehen den Kern des Problems, dem sich die multimedialen Ausstellung „Visions Alive“ zum niederländischen Maler Hieronymus Bosch nicht nur stellen kann, sondern vielleicht zum ersten Mal eine brauchbare Lösung anbietet.
Denn die Ausstellung geht gerade nicht den Weg, die Gemälde in ein historisches Setting zu überführen, es werden nicht einmal die Originale ausgestellt. Und doch ist alles auf das Werk abgestimmt. Allein der Ausstellungsort der Alten Münze, zu erreichen über einen wenig prunkvollen Innenhof bereitet auf den Bruch des klassischen Kunstgenusses vor. Die Räume der Ausstellung sind düster, im ersten Raum prangen vor allem die sieben Todsünden als Worte an der Wand, begleitet durch entsprechende Bibelzitate. Das eigentliche Highlight aber befindet sich in den folgenden Räumen. Stehend oder sitzend auf Bänken und Sitzkissen wird der Betrachter hier im Dunkel umringt von Leinwänden, auf denen Boschs Werk, untermalt durch eine entsprechende Geräuschkulisse, lebendig wird. Das Gemälde transformiert zum Kino. Die immersive Kraft, die diese Multimedialität und Darstellungsweise entfaltet ist enorm, der Sog hinein in die Gemälde Boschs unwiderruflich und unwiderstehlich. Statt des Erstarrten des Bildes, befindet sich Teile des Gemäldes im Fluss, die einzelnen Kreaturen werden lebendig und tanzen ihren Reigen um den Zuschauer herum.
Damit wird kein historisches Setting rekonstruiert, das in seiner Authentizität scheitern muss, weil es die Entwicklung der Sehgewohnheiten ignoriert, die Andersartigkeit des von multimedialen Angeboten geprägten Besuchers vergisst. Vielmehr wird das Betrachten dem modernen Sehen angepasst und kann damit zwar immer noch nicht die historische Rezeption wiedererwecken, denn das ist niemals möglich aber es wird eine Intensität der Betrachtung möglich, die als solche viel eher dem historischen Akteur gerecht werden kann. Zugleich schafft die Ausstellung damit die Dekonstruktion des klassischen Kunstgenusses, der sich unreflektiert seiner eigenen Bedingungen verschließt, in dem es Sehgewohnheiten in ihrer Historizität mittels dieses Erprobens von Möglichkeiten anzeigt und einem Neuen Tür und Tor öffnet, das hoffentlich Schule machen wird. Dies wäre wünschenswert, nicht nur, um eben auch Schüler und viele andere zu erreichen, denen das vermeintlich leblose Betrachten als Ödnis durch die moderne Medialität mitgegeben worden ist, sondern generell um eine Reflektion zu erreichen, die überhaupt erst einem viel zu oft formulierte, Anspruch von Kultureller Bildung gerecht werden kann, in dem sie Bedingungen des Sehens, des Wahrnehmens zu thematisieren vermag.
Bei allem Lob bleibt jedoch Raum für Kritik. Dazu gehört, dass auch hier der ästhetische Genuss allein im Vordergrund steht und damit die Kunst als Selbstzweck statt als Bildung. So kann eine gewissen Historizität von Sehgewohnheiten zwar erfahren werden, eine dezidierte Beschäftigung damit bleibt im Rahmen der Ausstellung aber aus. Hier wäre Nachholbedarf. Zugleich wäre eine Einordnung in die Kultur der Zeit wünschenswert, die über einen ereignishaften Zeitstrahl hinausgeht, der sich viel zu sehr der veralteten Formen der „Geschichte der großen weißen Männer“ und retrospektiv „wichtiger“ Ereignisse verhaftet sieht. Stattdessen wäre gerade bei dieser Thematik ein Blick auf die Historizität beispielsweise des Fühlens lohnenswert, nicht zuletzt, weil jene Todsünden zugleich Konzepte des Fühlens beschreiben.
Trotz dessen kommt dieser Ausstellung mit ihrer Aufarbeitung von Kunst in einer Art und Weise, die Sehgewohnheiten in ihrem Wandel ernst nimmt, eine Vorreiterrolle zu, so dass „Visions Alive“ mit einer gewissen Berechtigung die erste historische Kunstausstellung genannt werden kann.

Sonntag, 14. August 2016

Kurze Polemik für eine Ethik des Digitalen

Die Kommunikation des Digitalen mit seinem "Diktat der Transparenz" erzeuge laut Byung-Chul Han einen panoptischen Effekt permanenter Überwachung. So erschafft das Digitale aber zugleich auch eine grausame Welt ohne Fehler, eine Welt, in der es keine Fehler geben darf, weil jeder Fehler sofort und erbarmungslos bis in die digitale Ewigkeit hinein geahndet wird. Das Digitale kennt nur das Präsens und die Präsenz, so Han. Damit gibt es keine Fehler des Gestern, denn alle Fehler werden durch die Gleichzeitigkeit all dessen was digital ist und war, permanent präsent und damit permanent geahndet, die Entwicklung des Akteurs ist als Möglichkeit ausgeschaltet. Das Internet katapultiert den Menschen so zurück in eine mittelalterliche Strafjustiz, mit ihrem Grauen des Exempels. Die Strafe ist die öffentliche Beschämung, die den Akteur aus der lokalen Gemeinschaft ausschließt und wie ein Stigma begleitet. Das Internet jedoch hat keine solche Lokalität. Das Stigma und die Beschämung sind omnipräsent und überzeitlich, sie sind ewig und überall. Die Bloßstellung im Digitalen ist dessen bio-chemische Waffe und sollte als solche behandelt werden. Alle Argumente der modernen Reform des Strafsystems finden sich hier zum Extrem gesteigert.
Begünstigt wird all dies zusätzlich dadurch, dass laut Han die digitale Kommunikation das Gegenüber zum Verschwinden bringe und ihn nur noch als Widerstand wahrnehme, als Widerstand der Inszenierung des eigenen Selbst müsste man ergänzen. Noch viel schlimmer. Der Blick des Digitalen verhindert das Mit-Leiden, ja das Mit-Fühlen überhaupt, den empathischen Blick. Das Digitale hat keine Spiegelneuronen. Die Empathie und das Verstehen weichen dem Blick des Drohnenpiloten, der nur digitale Repräsentationen des Feindes aber nicht den Feind selbst, den Feind als individuellen, als gewordenen, zu historisierenden und verstehbaren Menschen wie sich selbst wahrnimmt. Es erleichtert ein affektiv-aggressives "Ich-gegen-den-oder-die" und damit ein "Wir-gegen-sie", das Grenzen begünstigt. Die Kommunikation des Internets, von facebook, Twitter und co wird so zu einer zunehmend agonalen Kommunikation, in der das konkrete "Ich" sich immer im Urteilen und Streiten mit jenen nicht verstandenen Anderen befindet. Wir brauchen daher dringend eine emanzipatorische Agenda der digitalen Diskurse und eine Ethik des Digitalen.

Mittwoch, 10. August 2016

Flüchtige Momentaufnahmen, Provokationen und Gedankenspiele XVI

Der immer stärker grassierende Anti-Intellektualismus ist eine aus Furcht geborene Überheblichkeit, die das tut, was sie vorwirft, nämlich zu versuchen, ihr eigenes Verstehen, Sprechen und Denken zu totalisieren oder zumindest hegemonial zu setzen, um in ihrer Blindheit zu übersehen, dass Erkenntnis immer unterschiedliche Modi des Denkens, Sprechens, Handelns benötigt. Der Begriff des elitären "von oben" ist ihr Kampfbegriff, um ihr eigenes elitäres "von unten" zu verschleiern.


Oh dieses Internet...diese Höllenpforte, aus der er hervorgekrochen kommt, nein, aus der er hervorgespien wird, dieser intellektuelle Bodensatz, diese Armee der Soziopathen, deren Dummheit, nur noch von ihrem Glauben an ihre eigene Höherwertigkeit übertroffen wird. Dieses Meer an Blödheit, das sich in die Welt ergiesst. Wie sie wieder zu Felde ziehen mit der Macht der überheblichen Idiotie, die wie wahnsinnig ihre Dekadenz der Einfachheit und des Urteils feiert, bar jeden Verstehens, um im Urteil des dem noch vom speichellecken benommenen, dumpfen Pöbels vorgekaugelten gerechten Zorn ihren eigenen Faschismus zu verbergen, ihr eigenes "Wir-gegen-die-anderen", mit dem sie ihren erbärmlichen Moment der Berechtigung zu erlangen suchen, über den sie nie hinauskommen können, weswegen sie diese Höllenpforte so sehr als ihren Himmel benötigen.


Eine der perfidesten und ältesten Strategien soziopathischer Egomanen ist es wohl, das eigene "Arschlochsein" mittels des Missbrauchs gefährdeter Gruppen oder einer (scheinbar) "gerechten Sache" zu kaschieren. Damit sollen jedem, der dumm genug ist dies zu glauben, die eigenen Animosität als allgemeine Forderungen erscheinen. So können mittels eines scheinbaren "Zorns des Gerechten" die eigenen "Privat-Affekten" ausgelebt werden. Besonders attraktiv ist jener Missbrauch nicht zuletzt auch deswegen, weil auf diese Weise eine gute Sache oder eine Gefährdung als Steigbügel zu eigener Bedeutsamkeit missbraucht werden können, dem eigenen Arschlochsein kann so ein Sinn gegeben werden, der sich so viel besser anfühlt und verkaufen lässt, an alle jene, die nur blöd oder ebenso bedürftig genug sind. Da dies aber kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein Bärendienst an jenen missbrauchten gerechten Sachen und Forderungen oder den in der Tat gefährdeten Gruppen, sollten gerade diese sich am stärksten gegen solche Trittbrettfahrer eines abscheulichen Egos zur Wehr setzen. Die größte Waffe dabei, ist die Bedeutungslosigkeit, die der Egomane und Soziopath so sehr fürchten und die ebenso ihr eigentlicher Antrieb sind, wie allzu oft das Bedürfnis so sehr zu einer Elite der Gefährdeten und Gerechten dazu gehören zu wollen, um eigenen Unzulänglichkeiten oder nagende Gewissen zu kompensieren. Denn womit wären dem Ego und den eigenen Machenschaften mehr gedient, als mit einer Aufmerksamkeit, die nachsichtig auf die eigenen Fehler schaut und hinter der sich das Dunkel des Selbst verbergen lässt.


Der Ehrliche spricht für sich selbst, die Despoten, Tyrannen und Egomanen jedoch immer im Namen einer Gruppe oder Wahrheit.


Bestimmung des Werts von Aussagen I

Eine beliebte und seit Jahrhunderten gebrauchte Strategie, ist jene der Verallgemeinerung des eigenen Anliegens, um damit die Selbstbezüglichkeit zu verschleiern.
Wenn es also darum geht, eine Person aufgrund eigener Animositäten, weil sie einem etwas getan habe, irgendetwas habe, was man will oder man ihr sonst aus einem Grund zu schaden, kann diese Intention damit verschleiert werden, dass man sich eines Allgemeinen bedient. Die Strategie sieht dabei folgendes vor:
Einwände, die sich gegen einen selbst richten, diese persönliche Animosität also gezielt thematisieren und angehen, werden nicht als solche angenommen, sondern als Angriff auf eine (am besten bedrohte, marginalisierte oder irgendwie "gute") Gruppe" verstanden und als solche inszeniert. Damit sucht sich der Redner der Macht jener Gruppe zu versichern und seinen Gegner als Gegner der Gruppe unmöglich zu machen, um so seiner persönlichen Animosität Berechtigung zu verschaffen.
Es wird also allgemein versucht, von der persönlichen Ebene dadurch abzulenken, dass dem Gegner unterstellt wird, es würde auch ihm nicht um die eigene Person und deren Animositäten gehen, sondern er verstecke damit nur seine Abneigung oder Gegnerschaft gegenüber der Gruppe, zu der man sich als zugehörig konstruiert und inszeniert.
Teil der reflektiert-kritischen Bewertung einer Aussage oder Anschuldigung muss also sein, diese Strategie zu bedenken, insbesondere dann, wenn von einer der Seiten persönliche Animositäten angesprochen werden.

Bestimmung der Werts von Aussagen II

Urteil vs. Verstehen
Eine konstruktive aber damit wertvolle Aussage, wird sich des Verstehens befleissen. Gezielte Angriffe hingegen bevorzugen das Urteil, um so schnell zu einem Sieg zu führen. Ein Verstehen wird versuchen, die Logik des Gegners nicht nur zum Zwecke eines Angriffs zu missbrauchen, sondern sie als solche anzuerkennen. Dem Verstehen ist die Perspektivität als solches bewusst. Je eher eine Person dazu neigt, Aussagen zu verabsolutieren, andere Lesarten a priori zu verweigern, umso eher handelt es sich um einen urteilenden Angriff, dem ein Verstehen gerade nicht vorhergeht, dem es nicht mal intendiert ist. Das Urteil ist zweckgerichtet. Um dieses zu verstärken, wird es sich aristotelischer Rhetorik bedienen, also der Wahrscheinlichkeit des Glaubhaften der Masse, zu der er spricht. Besonders ist dabei auf Stigmatisierungen zu achten, die als (Vor-)Urteile voran gestellt werden, um so weitere Urteile als Wahrscheinliches zu manipulieren. Je weniger also auf Perspektiven geachtet wird, je weniger es um ein Verstehen geht, je mehr das Urteil am Anfang steht, umso geringer ist der Wert einer Aussagen im Diskurs einzuschätzen und umso eher handelt es sich um einen bloßen Angriff zum Zwecke der Vernichtung des Gegners.

Bestimmung des Werts von Aussagen III

Schnelle Zustimmung und Einfachheit. Dazu ein Zitat von Haruki Murakami:
"Ich habe den Eindruck, daß bestimmte Denkbahnen so simpel und einseitig sind, daß sie unwiderstehlich wirken."


Gleichheit und Vergleichen

VERGLEICHEN ist NICHT GLEICHSETZEN. Man kann sogar Äpfel mit Birnen vergleichen, sie ob einer Ähnlichkeit oder Gleichheit untersuchen, sie gar begrenzt(!) gleichsetzen, denn beide "sind" Obst, beide fallen vom Baum, ja man könnte sogar sagen, beide schmecken gleich, da Geschmack kein perspektivloser und "objektiver" Wert ist. Ein Vergleichsbegriff, der (gern als politischer Kampfbegriff missbraucht) Vergleichen mit Gleichsetzen oder Identifizieren definiert, ist ein letztlich unmöglicher Vergleichsbegriff, denn nichts ist mit etwas anderem derart identifizierbar, nicht mal Zeichen mit dem Bezeichneten. Wichtiger ist also die Frage, WAS im Rahmen des Vergleichs aus welcher PERSPEKTIVE heraus KONKRET und WIE in BEZIEHUNG gesetzt wird.

Freitag, 13. Mai 2016

Das kartonierte Sein als Scheinargument und epistemisches Problem plus ein bisschen Geschichtsphilosophie

Im Prinzip soll sich der folgende Text einem immer wieder gebrauchten Scheinargument bedienen, das wohl viele schon benutzt oder gehört haben und das auf den ersten Blick und wie wir sehen werden auch auf den zweiten, nicht völlig abwegig ist, sogar verständlich scheint. Da es jedoch häufig als „ultimatives Argument“ gebraucht wird, um dem Gesagten des Gegenübers engültig die Berechtigung zu versagen, soll es einmal genauer betrachtet werden.

Es gibt viele verschiedene Varianten davon, die Beliebtesten sind vielleicht die Aussagen „Du warst aber (im Gegensatz zu mir) nicht dabei!“, „Du hast das gar nicht miterlebt!“ oder „Du warst noch nie in einer solchen Situation und kannst das nicht beurteilen!“. Philosophisch ausgedrückt heisst das nichts anderes, als die Behauptung aufzustellen, ein In-der-Situation-sein oder Gewesen-sein“ bedeutet einen epistemischen Vorteil zu haben. Verbunden wird dies häufig mit dem Glauben daran, bessere und exaktere, im Sinne von wahrere, Aussagen über sich selbst zu machen, weil man ja man selbst ist und so einen authentischeren, direkteren, unmittelbareren und damit ebenso wahreren Zugang zu sich selbst habe.
Relevant ist dieser Einwand nicht zuletzt für Historiker, denn wir waren ja nicht dabei.

Um nun sowohl das Problem genauer zu betrachten und seine Stichhaltigkeit zu prüfen, soll, wie es Philosophen ja ganz gern machen, ein vereinfachtes Beispiel gewählt werden, um die zentralen Punkte zu verdeutlichen.

Level 1

Nehmen wir zwei Personen an, Person A und Person B. Nehmen wir nun an, dass Person B in einem Karton sitzt, Person A sitzt außerhalb dieses. Nun unterhalten sich beide über die Situation von Person B. Person A könnte nun sagen, dass Person B in einem Karton sitzt, während Person B antwortet, dass dies nicht stimme, denn sie sitze im Dunkeln und wisse aus ihrer Perspektive freilich besser Bescheid. Der Clou ist, beide haben Recht. Und Person A hat auch dann Recht, wenn er nie in einem Karton gesessen hat, da seine Aussage sich auf einen völlig anderen Aspekt bezieht, der sich aus der unterschiedlichen Perspektive ergibt. Während Person B also durchaus eine Wirkung angeben kann, die Person A in diesem Beispiel nicht kennt, kann Person A in dieser Hinsicht den Grund dafür angeben, eine Struktur, die dies bedingt und die Person B aufgrund seines Sitzens in dem Karton und der sich daraus ergebenen Perspektive nicht erkennen kann. Beide haben also eine spezifische Perspektive, die sich bereits deswegen unterscheidet, weil beide in anderen Formen des In-der-Welt-Seins „gefangen“ sind.
Beide können nun versuchen ihre je andere Perspektive zu nutzen, um je mehr über die Welt zu erfahren und zwar über die Welt, die sie beide teilen, im Rahmen dessen sie diese Welt erst zu einer geteilte Welt machen. Vielleicht werden die beide das In-der-Welt-sein der je anderen Person erfahren können aber sie können ihr eigenes Weltbild erweitern, also ihre Vorstellung davon, welche Perspektiven noch zu dieser gehören und, dies ist das wichtige, welche Beschränkungen herrschen, die ihren je eigenen Blick bedingen, ihn lenken und damit auch das eigene Verhalten.
Voraussetzung dafür ist aber die Anerkennung von multiplen Perspektiven und die Abkehr vom Glauben der beiden Annahmen, dass 1. ein In-der-Situation-sein einen per se epistemischen Vorteil hat und 2. derjenige in der Situation automatisch mehr darüber weiß, was diese Situation ist.

Bonuslevel

Was genau tun nun Wissenschaftler, vor allem Geschichtswissenschaftler? Das hängt mit davon ab, welcher geschichtsphilosophischer Richtung sie sich angeschlossen haben, was ihre Frage ist, welche Methoden sie anwenden, usw. Wer noch Geschichtenerzähler der älteren Richtungen ist, wird nach der Person in dem Karton schauen, seine Biografie schreiben, seine persönlichen Daten aufschreiben, den Tag der Entstehung des Kartons, den großen Sieg Einzug zum Gedenktag erheben, dies alles allerdings nur, wenn es sich auch lohnt, Person B also irgendwie berühmt ist, um zu zeigen wie wichtig Person B für die Welt ist, usw....
Strukturalisten hingegen schauen vor allem auf den Karton, denn dieser bestimme das Leben von Person B, indem er dessen Welt vorgibt, die Struktur, die Bewegungsmöglichkeiten, usw. Es geht also daran, den Karton zu vermessen, ihn mit anderen zu vergleichen, Mittelwerte zu errechnen, den idealen Karton, an dem die idealen Personen Anteil haben. Die Person sitzt drin, sie ist die vom Karton gebeutelte...
Kulturhistoriker hingegen schauen sich jene Person an, jedoch anders als vorher. Die Betrachtung gilt der Beschreibung des Im-Karton-seins. Wie bewältigt die Person diese Situation, welchen Sinn gibt sie ihr, wie verständigt sie sich mit anderen, wie verstetigen sie das Leben im Karton als gemeinsames In-der-Welt-sein, welche kulturellen Praktiken ergeben sich, usw. Dabei ist es nicht der Karton in seinen Maßen der interessiert, sondern der Karton wie er der Person innen erscheint und dieses Erscheinen wird als Einfluss, als prägend angesehen. Im Idealfall wird dabei ein s.g. praxelogischer Ansatz gewählt, der den strukturalistischen Karton berücksichtigt, als Rahmen der Bedeutungszuweisung, die den eigentlichen Einfluss ausmacht und zugleich eine Wechselwirkung untersucht, die den Karton auch in seinen Maßen als zumindest zum Teil durch die Kultur der Person beeinflusst sieht, in dem jene Kultur auch auf das vermeintlich statische einwirkt, während der Karton sich auch langsam selbst wandelt, verfällt, an manchen Stellen geflickt wird, an anderen bewusst aufgerissen um den Blick zu erweitern, der eingeteilt wird, um verschiedene Teile verschiedenen Funktionen zuzuweisen, der immer wieder anders erlebt wird, je nachdem, in welcher Verfassung die Person ist, usw.

Level 2

Das zweite Level ist nun schwieriger. Denn eigentlich befindet sich nicht nur Person B in einem Karton, sondern auch Person A. Beide können sich dabei trotzdem sehen, der Karton ist nicht völlig undurchsichtig, sondern ein milchiger Schleier, verschwommen, unscharf, mit uneinsehbaren Bereichen. Durch diesen können beide auf einander schauen. Wenn beide wissen wollen, wie die Welt beschaffen sei, müssen sie miteinander reden, ihre Wahrnehmung abgleichen. Die Crux dabei ist, dass sie nur die Wahrnehmung haben und sich darüber verständigen was dies ist das sie sehen, um auf diese Weise zu vereinbaren, was denn zu sehen sei und nochmehr, was dies zu bedeuten habe. Da beide aber in unerschiedlichen Kartons sitzen ist das schwer. Nun könnte man sagen, Person B hat einen epistemischen Vorteil, wenn sie auf sich selbst schaut, weil dieses Schauen ist unmittelbar, es befindet sich ja in dem Karton, währnend Person A durch seinen eigenen erst hindurchsehen muss. Der erste Einwand dagegen ist, dass beide immer noch über etwas völlig anderes sprechen, über Struktur und Erleben. Der zweite Einwand ist, dass das Im-Karton-sein ja weiterhin eine Perspektive darstellt, die durch diesen Zustand geprägt ist und zwar so, dass es Person B selten merkt. Und auch dieses Erleben ist dabei durch die Kultur geprägt, also den normativen Austausch vieler Leute in Kartons, die dann darüber sprechen was es heisst aber auch was es heissen soll, das Im-Karton-sein zu erleben.

Bonuslevel

Dieses epistmeische Problem gehen Wissenschaftler nun dahingehend an, dass sie, bevor sie Andere betrachten, sich erst einmal selbst in den Blick nehmen (sollten). Es muss also geklärt werden, wie der „eigene“ Karton die eigene Wahrnehmung bestimmt, durch das eigenen Erleben, Fühlen, Denken, usw. Dieser Blick schärft sich dabei eben auch an der Untersuchung des Anderen immer weiter, denn es gilt zu schauen, wie auch dessen Wahrnehmung sich mittels kultureller Prozesse schafft, die dann wiederum auf das eigene Sehen angewendet werden. Das ist übrigens der wichtigste Kern von Bildung, von Historischer Bildung insbesondere. Dabei produziert auch der Wissenschaftler Erzählungen von Personen in Kartons und diesen Kartons, die durch die Erzählungen seiner eigenen Zeit, seines eigenen Kartions beeinflusst sind, Perspektiven über Perspektiven also. Deren epistemisch höhrer Wert liegt allerdings darin, dies zu berücksichtigen. Dies nennt sich dann erkenntnistheoretische und methodische Reflektion. Diese kann dazu führen, mehr erfahren, in Wechselwirkung vom Anderen und sich selbst. Der Mehrwert besteht dabei auch darin zu zeigen, wie sich der Karton auswirkt und wie sich wiederum das Im-Karton-sein auf diesen auswirkt. Ein Wissenschaftler kennt so idealerweise die Erzählungen des Im-Karton-Seins als kulturell erlernte Muster, dessen sich Person B nicht bewusst ist und die automatisiert ablaufen, er kennt die Auslöser dafür, die Gründe und Begründungen, die vielen Erzählungen und er kann bedingt Aussagen darüber machen, wie solche Dinge ihn selbst dazu bringen all jenes zu sehen, zwar unvollständig aber doch in größerem Umfang als es Person B möglich ist. Der Unterschied besteht in einem Wissen um dieses Prozesse im Gegensatz zu einem kreativen Gefangensein in diesen Prozessen.

Level 3

Allerdings ist es mit zwei Personen und zwei Kartons oder dessen Multplizierung nicht getan, denn jeder steckt zeitgleich in vielen Kartons, die sich überlappen und die er mit anderen teilt.

Bonuslevel

Das wahnsinnige Unterfangen besteht jetzt darin dies alles zu berücksichtigen in Bezug auf sich selbst als produktiver und damit auch verzerrender Teil der eigenen Wahrnehmung, als auch in Bezug auf alle Anderen, auf die, die untersucht werden. Je mehr Gründe und Begründungen, je mehr Einflussfaktoren, je mehr Kartons also bekannt sind, umso besser kann das Verhalten erklärt werden, umso höher der epistemische Vorteil gegenüber denen, die sich Selbst im Karton lediglich befinden.

Bossfight

Als Letztes steht nun generell ein epistemisches Problem an, nämlich die Frage, was, auf welche Weise und ob überhaupt etwas existiert, ob wir Zugang dazu haben usw.
Die Frage kann dabei unterschiedlich beantwortet werden. Mein persönlicher Cheatcode ist der Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass die Welt zwar existiert aber wir ihr nur als Welt begegnen, also als die Gesamtheit der Erzählungen, die wir uns von ihr machen und von der wir nie wissen, ob sie auch nur im Entferntesten mit jener Welt übereinstimmt. Das aber ist kein Problem, eben weil wir es nicht wissen können. Als kulturelle Wesen schaffen wir die Bedeutungen selbst, wie wir uns auch dabei beobachten können. Weil es aber diese Bedeutungen sind, die von uns selbst wechselseitig in unsere vielen Kartons geschaffen werden, die unser Handeln bestimmen, sind es auch diese, die es zu erforschen gilt, denn sie sind alles was wir haben. Weil dies aber so ist, weil damit unser Erleben selbst in Kategorien abläuft, wissen wir selbst auch nicht zwangsweise mehr über uns, bloss weil wir wir selbst sind, denn was wir tun ist jene Erzählungen anwenden, an deren Gestaltung wir mitwirken, die wir aber nicht selbst hervorbringen. Wer die Erzählungen, ihre Gründe und Begründungen, die Kartons kennt, der weiß damit eine Menge über uns, auch wenn er es nicht nacherleben kann.