Donnerstag, 29. Mai 2014

Das Kreuz mit den Chromosomen



Auch das biologische Geschlecht muss letztlich als konstruiert entlarvt werden, es muss sich auflösen und damit einen Prozess zu Ende führen, den es während der Konstruktion sozialer Rollen aus ihm beschreitet, indem es sich, bei genauerer Betrachtung, selbst in diesem verliert. Es bleibt nur als oberflächlicher, willkürlicher und zur Lächerlichkeit verallgemeinerter Referenzbereich und als Symbol zurück. Als dieses muss es zerstört werden, um in diesem Zug auch die an ihm gekoppelten sozialen Rollen zu vernichten. Es muss zerstört werden, um zu zeigen, dass hinter ihm nichts liegt, nichts außer einer Willkür, in deren Anblick sich auch die sozialen Rollen auflösen.

Die Biologie als Wissenschaft, auf die als Begründung des Referenzbereichs verwiesen wird und die selbst ein Konstrukt darstellt (mit spezifischen Methoden, Gegenstandsbereichen, Fragestellungen, Wahrnehmungen), konstruiert das biologische Geschlecht mit, indem sie sich selbst beschränkend bestimmte Beobachtungen zusammenfassend als Unterschiede kategorisiert, die also eine Möglichkeit aus vielen wählt. Dies betrifft den Unterschied selbst, sowie seine Teile und Betrachtungsebenen. Auf diese Weise wird kein Unterschied der Chromosomen bestritten aber dieser Unterschied ist nicht das Geschlecht, sondern ein Teil seiner Erklärung, auf die nicht fokussiert werden muss und der sich auf anderer Ebene verflüchtigt. Er verschwindet z.B., wenn man stattdessen die Gleichheit favorisiert, wenn man anderen Ebenen betrachtet, jene, auf der Mann und Frau die gleiche Anzahl an Paaren haben oder auf der beide aus den gleichen Bestandteilen bestehen. Die Suche nach Unterschieden, die vorher bereits angenommen werden, lenken den Blick und bilden nur eine der möglichen Wirklichkeiten aus.
Mit der Wahrnehmung der Unterschiede unter dem spezifischen Blickwinkel, wird dieser Unterschied erst mit Bedeutung ausgestattet, der der Kultur nicht vorgängig ist, nicht sein kann. Auf diese Weise schafft die Biologie das Geschlecht als Unterschied, als Herausgriff aus dem Möglichen und lädt ihn mit Bedeutung auf, verdichtet das Gefundene zur Kategorie, die sie zugleich glättet, ebnet, idealisiert.
Damit wird nicht die Möglichkeit der Wahrnehmung eines Unterschieds negiert, sondern die Zwangsläufigkeit dessen, sowie seine an den Rändern immer ausfransenden und zu diesem Zweck generalisierende Konstruktion. Allein die Fokussierung und Benennung eines zum Unterschied erhobenen Andersseins, welches sich in Dichotomisierungen in den Alltag ergießt, beinhaltet bereits die Zuschreibung von Bedeutung, die der Kultur nicht vorgängig ist. Auch das biologische Geschlecht ist in erster Linie ein Wahrnehmungserlerntes.

Um den Unterschied der Chromosomen als irgendwie Existentes aufrecht zu erhalten, kann das biologische Geschlecht jedoch zerlegt werden, in seine Bestandteile als „real“ Existentes, zu dem es jedoch keinen der Kultur vorgängigen Zugang gibt und in eines, auch von der Biologie mitkonstruiertes alltägliches Wahrnehmungsmuster und vereinfachten Wissensbestand.
Gerade Letzteres ist letztlich nur ein kaum verstandener Referenzbereich, der als naturalisierte Begründung, als Letztargument der sozialen Konstruktion fungiert, um die Bedeutungen abzusichern. Bei genauerem Hinsehen entleert es sich und bleibt als Hülse zurück.

Um dies abschließend noch einmal zusammenfassend zu verdeutlichen:
Was ist der Grund, warum der Unterschied zwischen den Chromosomen (und der weiteren zur Kategorie zusammengefassten Merkmale) so bedeutend ist, dass er eine eigene Kategorie bekommt und bspw. der Unterschied in der Anzahl der Atome (Körpergröße usw.) nicht? Der Grund ist die Bedeutungszuschreibung, die sich aus der vorher bereits geschaffenen Wirklichkeit ergibt, der auch die Biologie angehört.

Ein paar Anmerkungen scheinen als Erklärung noch wichtig.
Es geht nicht darum, die Konstruktion von Wirklichkeiten, was Unterschiede und Bedeutungen einschließt, ja ihr Kern sind, als grundsätzliches Problem anzusehen. Alle kulturellen Wesen, von denen der Mensch bisher nicht das einzige aber komplexeste ist, können nicht anders, ja müssen sogar der Welt Bedeutungen  zuschreiben, Unterschiede entwickeln und festschreiben, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Das Problematische sind die konkreten Ausprägungen und deren Legitimation durch "Natürlichkeit", die selbst ein Konstrukt darstellt. Unterschiedliche Wirklichkeiten können unterschiedliche Welten schaffen, die sich  unterschiedlich auf die Wesen der Welt auswirken, sie können im ethischen Sinne besser oder schlechter sein.
Es gilt also vielmehr sowohl die Konstruiertheit von allen Elementen der Wirklichkeit aufzuzeigen, den  Wirklichkeiten einen Referenzbereich zur Bewertung zur Seite zu stellen und mit Hilfe der Dekonstruktion  "schrecklicher" oder gewaltsam hegemonioaler Wirklichkeiten oder ihrer Teile ein Tor für Neues zu öffnen.

Mit anderen Worten gesprochen:
Die Wahrheit zu töten, heisst nicht, den Menschen ins Chaos zu stürzen. Es heisst, den Menschen hin zu einer größeren Handlungsfreiheit, zu einem freieren Denken zu begleiten. Es heisst, ihn vom sozialen Zwang der  vermeintlichen Natürlichkeit allen Seins seiner Welt zu befreien. Das ist die Gabe und das Vermächtnis  konstruktivistischer Philosophie und Kunst.

Kommentare:

  1. Ich habe generell ein Problem damit, wenn man Wahrnehmung leugnet. Das könnte man im Prinzip nur machen, wenn man die Welt wie Schopenhauer begreift und sie nur als eigenen Willen darstellt. Ich persönlich bin froh über Descartes "Cogito ergo sum". Im Zweifel führt die Dekonstruktion zum Wahrnehmungsverlust. Wenn wir die Dinge nicht bestimmen können/sollen, dann brauchen wir Ersatz. Wenn es etwas wie Geschlecht nicht gibt, will ich es irgendwie benennen können. Descartes hat die Menschen gelehrt sich die Welt aufzuteilen um die Dinge begreifbar zu machen und viele Philosophen sind in dieses Becken der Erkenntnis gesprungen ( John Locke, Immanuel Kant, Hegel, usw.).

    Ich will damit sagen, dass man nicht einfach alle Begriffe auflösen kann, denn das entstehende Puzzle kriegt dann keiner mehr zusammen oder es würde Blödsinn dabei herauskommen. Eine gesunde Dekonstruktion soll im Wissenschaftsbereich dazu führen, sich Dinge anzueignen, aber generell zu sagen, wir hauen alles zu klump, was jemand an Kategorien oder Wahrnehmungssystemen geschaffen hat, halte ich für falsch.

    Ich vergleiche das gern mit einem User, der seinen rechner ausienander nimmt und zum ersten Mal dessen Inneres sieht. Wenn er ihn komplett in seine Einzelteile zerlegt, wird er ihn nicht wieder zusammen bekommen. Der Rechner wird nicht mehr funktionieren wie er soll.

    Liebe Grüße, Tim :-)

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  2. ich will nicht alles aufloesen...das funktioniert nicht. da hast du recht. aber ich will die konstruiertheit zeigen und neue andere moeglichkeiten der kategorisierungen ermoeglichen die eine ertraeglichere wirklichkeit fuer alle fuehlenden wesen bedeuten koennten.

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  3. und kurz zu descartes: ich kann den typen nich leiden...er hat dazu beigetragen eine graessliche wirklichkeit zu schaffen...mit seiner wertenden dummen dichotimisierung von gefuehl und vernuft und seiner ekelhaften ontologie des tierlichen anderen ;-)

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